„Hanifizierung“: Uigurische Kinder werden ihrer Wurzeln beraubt

Bitterwinter, 13.03.2019

Während die Eltern zur Umerziehung weggebracht werden, sind uigurische Kinder von einem Stacheldraht umgeben und dürfen ihre Sprache nicht sprechen.

Wie Bitter Winter bereits berichtet hat, wurden über eine Million Muslime gezwungen, die chinesische Sprache zu lernen und in den Umerziehung-durch-Bildung Lagern politische und ideologische Schulung zu erhaltenDie Kinder der Inhaftierten sind in „Schulen“ der chinesischen Han-Propaganda eingesperrt und werden dort gezwungen ihren Unterricht in einer vollständig „hanifizierten“ Umgebung zu erhalten, d.h. eine Lernumgebung, in der ausschließlich Mandarin gesprochen wird und nur kulturelle Han-Referenzen und Normen angewendet werden. Auf diese Weise wird den Erben der uigurischen Kultur das Geburtsrecht verweigert.

Mehrere in Xinjiang beschäftigte Lehrer, haben Bitter Winter das wahre Dilemma der uigurischen Lehrer und Schüler in Xinjiang beschrieben.

Ein in Xinjiang beschäftigter Lehrer: Als ich zum ersten Mal die uigurischen Kinder sah, hat es mir fast das Herz zerrissen

Liu Qi (Pseudonym), ein in der Stadt Kashgar von Xinjiang beschäftigter Lehrer, erzählte Bitter Winter seine Geschichte und sagte, dass die Regierung sehr vielen Universitätsstudenten aus anderen Provinzen hohe Gehälter anbietet, um als Lehrer für Chinesisch in Xinjiang zu arbeiten und das „Westchinesische Talent-Einführungsprogramm“ zu fördern. Die Rekrutierungsquote liegt jedes Jahr bei rund 1.500 Personen. Jeder Lehrer muss einen Dreijahresvertrag unterzeichnen. Jeder, der gegen den Vertrag verstößt, wird mit einer Geldstrafe von 5.000 RMB (ca. 650 Euro) belangt.

„Warum versetzen sie so viele Lehrer der Han-Ethnie [nach Xinjiang]?“ fragte Herr Liu. „Um ‘ganz früh schon zu beginnen‘, sodass alle uigurischen Kinder die Kultur der Han studieren und Mandarin sprechen lernen. Auch damit die uigurische Kultur ausgelöscht wird. Die Bemühungen der Regierung um ein hartes Durchgreifen sind extrem stark. Was Bildung, Bräuche und Sprache betrifft, ist der ehemalige Lebensstil der Uiguren zerstört worden.“

Eine Lehrerin, die seit letztem Sommer in der Stadt Kashgar unterrichtet, beschrieb das erste Mal, als sie ihre Schüler sah: „Es schien, als hätten sie sich das Gesicht nicht gewaschen und die Ärmel ihrer Kleidung waren völlig abgenutzt. Auch ihre Hosen waren unten abgerissen und zerfetzt. Einige Schüler trugen Schuhe, die vorne aufgeplatzt waren, andere kamen in Schuhen ohne Absätze. Viele Schuhsohlen waren komplett abgenutzt, sodass sie nur noch oben zusammengehalten wurden. Diese Kinder sahen erbärmlich aus – wie Kinder der „Alten Gesellschaft“. Sobald sie einen Fremden sahen, scharten sie sich sofort um ihn.“ (Die Alte Gesellschaft ist der populäre Begriff für die Lebensbedingungen in China vor der kommunistischen Übernahme.)

„Erst später erfuhr ich, dass die Eltern der meisten dieser uigurischen Kinder in Haft waren. Einige Kinder werden von ihren älteren Geschwistern betreut. Wenn ich all diese Kinder ohne ihre Eltern sehe, zerreißt es mir das Herz“, sagte die Lehrerin.

Schulunterricht nur auf Mandarin, uigurische Lehrer und Schüler stark eingeschränkt

Laut Herrn Liu verlangt die Regierung, dass alle Grund- und Mittelschüler aus Städten und Dörfern zusammengefasst werden und unter einer einheitlichen Leitung ihre Schulbildung erhalten. Den Schülern ist es verboten, in ihren Heimatorten privat weitere Bildung zu erhalten. In diesen Schulen gibt es praktisch keine Ferien. Insbesondere Schüler, deren Eltern inhaftiert sind und die daher kein „Zuhause“ mehr haben, werden innerhalb der Schule „eingesperrt“.

Ethnische uigurische Lehrer leiden ebenfalls unter Diskriminierung. „Denn uigurische Lehrer müssen, sobald sie einen öffentlichen Ort betreten, sofort Mandarin sprechen“, sagte Herr Liu. „Sie müssen in Mandarin unterrichten, auch wenn ihre Aussprache schlecht ist. Während der Feiertage und bei Festlichkeiten dürfen uigurische Lehrer und Schüler die „roten“ Lieder nur in Mandarin singen. Uigurische Lieder zu singen ist ihnen strengstens untersagt. Sobald bemerkt wird, dass ein Lehrer eine WeChat-Nachricht in Uigurisch verschickt, wird er gefragt: ‘Bereitest du gerade eine Revolte vor?‘“.

„Uigurische Lehrer müssen einen Test in Mandarin machen, um angestellt zu werden und alle Lehrer und Schüler dürfen nur in Mandarin miteinander sprechen“, fuhr Liu fort. „Die Schulleiter führen regelmäßig Überprüfungen der Schüler durch. Beantwortet ein Schüler eine Frage im Unterricht auf Uigurisch, erhält sein Lehrer weniger Gehalt.“

Herr Liu beschrieb die Schwierigkeiten, mit denen alle Seiten konfrontiert waren, als Mandarin zum ersten Mal eingeführt wurde. Er sagte, dass jede Unterrichtseinheit auf Mandarin zuerst auf Uigurisch übersetzt werden musste, um dann überhaupt die Fragen verstehen zu können. Dann mussten die Antworten der Schüler wieder zurück in Mandarin übersetzt werden.

“Da uigurische Kinder ihre Sprache von klein auf sprechen, sind sie nicht in der Lage, den Großteil des Unterrichts [in Mandarin] zu verstehen, sodass das Lernen jedes Faches sehr schwierig wird. So ist z.B. die vollständige Punktzahl für die Sprach- und Literaturprüfung in Mandarin 100 Punkte. In einer Klasse mit fast 60 Schülern schaffen nur wenige mehr als 50 Punkte –
manche sogar nur 0 Punkte. Nachdem man ihnen ihre Grundbildung auf Uigurisch also vorenthalten hat, können die Schüler der unteren Klassen schon nicht mehr uigurisch schreiben. Und gleichzeitig erleben Schüler höherer Jahrgangsstufen, die ihre Sprachausbildung zuvor auf Uigurisch erhalten hatten, einen starken Rückgang ihrer schulischen Leistungen, mit der Folge, dass die Schüler einem hohen psychischen Druck ausgesetzt sind. Sie alle haben enorme Schwierigkeiten mit dem Lernen. Einige von ihnen denken sogar daran, die Schule abzubrechen.“

„Ich habe große Sorgen, dass diese Kinder, wenn sie größer sind, zu überhaupt nichts fähig sein werden“, sagte ein Lehrer. „Einmal kam die Mutter eines Schülers strahlend zu mir und sagte, dass sie das Geld für den Universitätsbesuch ihres Kindes bereits zusammenhabe. Aber als sie dann erfuhr, dass die Leistungen ihres Kindes nach der Umstellung auf Mandarin sehr schlecht und die Hoffnung auf ein Universitätsstudium gleich Null waren, brach sie vor mir in Tränen aus.“

Schulen wie Gefängnisse, Lehrer werfen hin

Herr Liu erzählte Bitter Winter, dass in Xinjiang alle Schulmauern mit einem Stacheldraht gesichert sind. Jeden Tag patrouilliert die Polizei auf den Straßen rund um die Schule. Die gesamte Schule ist eher ein Gefängnis als ein Ort der Lehre und Bildung.

„Von klein auf leben die Schüler in dieser Atmosphäre des Terrors, was zu psychischen und psychischen Problemen führt“, sagte Liu. „Wir als Lehrer fühlen hauptsächlich eine unsägliche geistige Erschöpfung. Das ist ein Ort mit einem Gefühl von Dunkelheit und Schrecken. Keinen einzigen Moment darf man nachlässig sein, denn auf einen einzigen Befehl hin können Menschen weggebracht (in Gewahrsam genommen) werden. Einige Menschen erhalten sogar Anrufe: ‘Komm zum Dorfkomitee. Wir müssen dich sehen.‘ Und sind sie dann dorthin unterwegs, können sie nicht mehr nach Hause zurück.“

„Das Unterrichtssystem der Schulen in Xinjiang und einige der, von der Regierung ausgegebenen Anweisungen, sind einfach unzumutbar“, fuhr Liu fort. „Ursprünglich lag ja das Hauptaugenmerk von Schulen einzig und allein auf dem Unterricht, doch in Xinjiang steht die politische Aufgabe an erster Stelle: die Änderung des Verständnisses und der Einstellung der Schüler zum Staat sowie die Veränderung des Identitätsgefühls der Schüler und der Identifikation mit ihrer ethnischen Abstammung. Viele Lehrer, die mit Lehraufträgen nach Xinjiang kommen, verzichten auf ihr hohes Gehalt und kehren in ihre Heimatstädte zurück, weil sie diese Atmosphäre der Unterdrückung nicht ertragen können.“

Ilshat Hassan, Vizepräsident der Uigurisch-Amerikanischen Vereinigung, erklärte gegenüber Voice of America, dass die chinesische Regierung, durch das Verbot des Unterrichts auf Uigurisch, die Kultur und Geschichte der Uiguren zerstört. Wenn diese Politik weiter andauert, so Hassan weiter, wird es in Ost-Turkestan niemals ein friedliches Leben und auch keinen Frieden geben.

Die Mauer des Kindergartens ist mit einem Stacheldraht gesichert. An der Wand hängt der Leitspruch „Die Liebe zu deinem Land beginnt mit Mandarin.”