Chinas Regierung trennt offenbar systematisch muslimische Familien

Spiegel Online, 05.07.2019

(AP Photo/ Dake Kang) 

Mehr als eine Million Menschen sollen in der chinesischen Provinz Xinjiang in Umerziehungslagern untergebracht sein – vor allem Muslime. Einem BBC-Bericht zufolge werden auch Kinder systematisch entwurzelt.

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Die chinesische Regierung weitet ihr Prinzip der “Umerziehungslager” in der Provinz Xinjiang offenbar aus – und baut im großen Stil Schulen und Internate für die Kinder aus der Region, in der fast ausschließlich Angehörige der muslimischen Minderheit der Uiguren leben. Darüber berichtet der britische Sender BBC, der sich auf Untersuchungen des deutschen Experten Adrian Zenz beruft. Demnach haben Behörden allein im Süden der Provinz mehr als eine Milliarde Dollar in Einrichtungen für Kinder investiert. Diese böten den “idealen Kontext für eine kulturelle Umerziehung von Minderheiten”, sagte Zenz der BBC.

Er geht davon aus, dass es sich bei einigen der neuen Gebäude um Wohnheime handelt, womöglich ähnlich der Internierungslager für Erwachsene. Allein im April vergangenen Jahres sollen fast 2000 Kinder aus den umliegenden Dörfern in eine neue Mittelschule in Yecheng gekommen sein. Die Zahlen gehen auf öffentlich zugängliche, offizielle Dokumente zurück. Zenz gilt seit Jahren als ausgewiesener Experte für die Lager in Xinjiang.

Außenansicht eines Internierungslagers für Erwachsene in Xinjiang

Thomas Peter/ REUTERS

Außenansicht eines Internierungslagers für Erwachsene in Xinjiang

 

In der Provinz baut Peking seit Jahren einen umfassenden Überwachungsstaat auf. Gerade erst war bekannt geworden, dass auch Touristen in der Region Spähsoftware auf das Handy geladen wird. Nach Schätzungen der Uno sind mehr als eine Million Uiguren inzwischen in Internierungslagern gelandet – Peking spricht von Einrichtungen für “freie Berufsausbildung”. In Berichten von Menschenrechtsorganisationen zeichnen ehemalige Internierte ein gänzlich anderes Bild der staatlichen Lager. Sie berichten, dort auf die Kommunistische Partei eingeschworen worden zu sein, einige schildern physische und psychische Gewalt.

Der BBC-Journalist John Sudworth konnte selbst nicht frei in Xinjiang recherchieren – Journalisten werden dort rund um die Uhr überwacht. Er hat deshalb mit Uiguren in der Türkei gesprochen. Aus Interviews mit 60 unterschiedlichen Personen habe er Details zu dem Verschwinden von mehr als 100 Kindern in Xinjiang erfahren. Diese Erkenntnisse deuteten daraufhin, dass die Kinder systematisch von ihren religiösen und familiären Wurzeln getrennt werden sollten. Nach Recherchen der BBC gibt es Dokumente zu einem Dorf, in dem allein 400 Kinder ohne ihre Eltern leben, da diese in Internierungslager gekommen sein sollen.

Nach offizieller Darstellung sollten die Schulen und umfassende Betreuung dazu dienen, “Stabilität und Frieden” in der Region zu wahren, indem die “Schule den Platz der Eltern übernimmt”, wie es im BBC-Bericht heißt. Demnach ist es auf dem Gelände der Schulen verboten, etwas anderes als Mandarin zu sprechen. Nicht nur Schüler, auch Lehrer würden bestraft, wenn sie die uigurische Sprache verwendeten. Zenz sagt: “Die Erkenntnisse deuten daraufhin, dass es sich hier um einen kulturellen Genozid handelt.”

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