Chinas Staatsfeinde: Zwei Uiguren schildern, wie ihre Familien in Pekings Geheimlagern verschwanden

Business Insider, 23.01.19

By Andreas Baumer – Seine Schwester hat sich wohl gefreut. Zumindest hat sie ihm drei Smileys geschickt, auf Wechat, dem chinesischen Whatsapp, dazu den Kommentar: „Das Geschenk war schön“. Es war der 22. Mai 2017.

Bald darauf müssen sie gekommen sein, Chinas Stasi oder Polizei oder beide, und müssen sie mitgenommen haben. Ins Lager oder ins Gefängnis. Was weiß Muhemmedeli Niyaz schon.

Er weiß ja noch nicht einmal, ob seine Schwester sein Geschenk, ein Parfüm Marke Prada, je getragen hat. Marke Prada. Das hat er sich gemerkt. Obwohl er sich bei Frauenparfümen nicht sonderlich gut auskennt. Obwohl es seine Frau war, die den Duft damals ausgewählt hat. Fakt ist: Seine Schwester hat sich nicht mehr gemeldet. Sie ist aus seinem Leben verschwunden. Wie seine beiden Brüder. Wie seine Mutter. Von einem Tag auf den anderen weg. Kein Anruf, keine Nachricht mehr. Nichts.

Muhemmedeli Niyaz: Plötzlich war seine Familie weg.

Uiguren sind in China vielleicht so unfrei wie noch nie

Wir treffen Niyaz, 30, in einem Café, eine Straße vom Münchner Hauptbahnhof entfernt. Wo grüne Blätter von der Decke ragen, mattgelbes Licht auf Palmen, Sofas und Rattanstühle fällt. Wo Basilikum-Ingwer-Limo und Fritz-Kola auf der Karte stehen. Hier also, in dieser kleinen, unbeschwerten Welt, erzählt er seine bedrückende Geschichte. Eine Geschichte, die sich weit weg von München abspielt, tief in Asien, in Chinas Provinz Xinjiang, wo Niyaz herkommt.

Niyaz ist Uigure. Seit Jahrhunderten lebt sein Volk in Xinjiang, mal mehr, mal weniger frei. So unfrei wie jetzt war es aber selten, vielleicht noch nie.

„Ich hätte es ahnen müssen“, sagt Niyaz, der Blick schwermütig, die Schultern schlaff nach unten. „Meine Schwester hat ja Andeutungen gemacht.“ Dass sie es nicht mehr aushalte, dass sie raus wolle. Er habe sie gebeten zu bleiben, für seine Mutter zu sorgen.

Er selbst konnte ja nicht mehr zurück. Zu oft hatte er sich schon mit uigurischen Dissidenten hier in München getroffen, wo sich Uiguren sicher fühlen können, wo mehrere hundert Exil-Uiguren leben, wo die Organisation „Weltkongress der Uiguren“ ihren Hauptsitz hat. Die ist in China verboten, ja geächtet. Niyaz ist nicht mehr nur geduldet in Deutschland. Er ist anerkannter Flüchtling. Würde Niyaz in seine Heimat zurückkehren wollen, nach Aksu in Zentralasien, 5000 Kilometer von München entfernt, um sich auf die Suche nach seiner verschollenen Familie zu machen, dann müsste er nicht mehr nur um seine Familie fürchten, sondern um seine eigene Freiheit gleich dazu.

China nennt Einrichtungen „Umerziehungslager“

Niyaz, und das ist der Kern dieser Geschichte, hat sich gegen Chinas Regierung ausgesprochen, weil er der festen Überzeugung ist, sein Volk, die Uiguren, würde von ihr unterdrückt. Er sagt das ganz offen. Er steht dafür mit seinem Namen. Obwohl er weiß, dass Peking offene Kritik nicht toleriert, dass seine Familie in der Heimat dafür büßen könnte. Er sagt: „Meine Verwandten sind eh nicht mehr frei. Was kann noch Schlimmeres passieren.“

Die chinesische Regierung hat es ja selbst zugegeben. Dass sie Lager errichtet hat, um Muslime und vor allem Uiguren umzuerziehen, und zwar in Xinjiang, chinesisch für Neuland, das ganz im Westen der Volksrepublik liegt. Xinjiang ist eine der wichtigsten Regionen im Reich der Mitte. In ihrem Boden schlummern Öl, Gas und Gold. Die Region soll in Chinas Riesenprojekt „Neue Seidenstraße“ eine zentrale Rolle einnehmen, als Drehkreuz zwischen Asien und Europa.

Da passen Peking Absetzbewegungen gar nicht ins Konzept. Doch die gibt es in Xinjiang. Denn die Mehrheit in der Region stellen nicht Chinesen, sondern Uiguren wie Niyaz, ein Turkvolk, muslimisch geprägt, für die Xinjiang alles andere als Neuland ist, sondern seit vielen Jahrhunderten lieb gewordene Heimat. Nicht wenige von ihnen wünschen sich deshalb einen unabhängigen Staat, ein Uiguristan im Herzen von Asien. Ein Albtraum für Chinas Regierung.

Umerziehungslager hat Peking die Einrichtungen genannt, in denen nach Schätzungen der Vereinten Nationen bis zu einer Million Muslime festgehalten werden, hinter Wachtürmen und Stacheldraht, abgeschottet von der Außenwelt, Medien unzugänglich. Offiziell will der Staat hier als extremistisch eingestufte Personen in sogenannten Trainingszentren zu gehorsamen, ja treuen chinesischen Staatsbürgern formen. Sie sollen studieren, Mandarin sprechen und Loblieder auf die allmächtige Kommunistische Partei singen. Selbst von Abschlussprüfungen ist die Rede.

Menschenrechtler aber haben noch nie geglaubt, dass China nur sogenannte Extremisten gefangen hält. Sie sprechen von Inhaftierungen ohne angemessene Gerichtsverfahren. Von Insassen ohne Zugang zu Anwälten oder Angehörigen. Sie vermuten hinter den dicken Mauern auch religiöse Führer genauso wie uigurische Intellektuelle. Sie befürchten, dass die Lager dazu dienen sollen, uigurische Riten und Traditionen systematisch auszumerzen, eine ganze Kultur auszurotten. Hier, glaubt Niyaz, könnte auch seine Familie gelandet sein. Auch wegen ihm.

Lage der Uiguren in China verschlechtert sich seit Jahren

Niyaz ahnt, was seine Verwandten durchmachen müssen. Er geriet ja selbst mal in die Fänge der Polizei. Er schildert: „Als ich noch in China lebte, habe ich mal im Internet das Wort „Uiguren“ gegoogelt. Da war Google noch nicht in China verboten. Ich bin auf eine Flagge gestoßen. Weißer Halbmond und weißer Stern vor hellblauem Hintergrund. Die Flagge der Uiguren, auch wenn ich das damals noch nicht wusste. Ich habe sie heruntergeladen. Etwa zwei Stunden später kam die Polizei und verhaftete mich. Ich wurde vernommen. Stundenlang. Sie wollten wissen: Wer hat dir gesagt, dass du diese Flagge suchen sollst, wer hat dir gesagt, dass du sie herunterladen sollst. Ich sagte, dass ich das ganz allein war, dass mir das niemand befohlen hat. Sie glaubten mir nicht. Um vier Uhr am nächsten Tag ließen sie mich wieder gehen. Sie sagten: Wenn du das wieder tust, landest du im Gefängnis.“

Uiguren im Visier: Chinesische Polizisten marschieren 2014 nach einem Bombenanschlag im Autonomen Gebiet Xinjiang auf.Niyaz hält inne. Seine Hände zittern. „Sie wollen dein Gehirn waschen“, sagt er dann. „Sie wollen dich mental besiegen, sie wollen dich mundtot machen.“

Niyaz hat 2013 seine Heimat verlassen. Vielleicht gerade noch rechtzeitig. Denn danach hat sich die Lage für die Uiguren in China deutlich verschlechtert. Danach gingen Polizei und Staatssicherheit noch härter gegen sie vor. Danach drangen erste Berichte in die Welt, nach denen in Xinjiang Lager entstehen würden, Internierungslager, speziell für Uiguren.

Im November 2018 legte die Denkfabrik „Australian Policy Institute“ eine erschütternde Studie vor. Sie hielt fest, dass sich die bekannten Lager seit Anfang 2016 immer weiter ausgedehnt hätten, um 465 Prozent. Gleichzeitig meldeten immer mehr Uiguren im Ausland, dass sie den Kontakt zu Angehörigen in China verloren hätten. Die Anzeichen verdichten sich: Im Herzen Asiens betreibt das bevölkerungsreichste Land der Erde das größte Lagersystem der Welt.

Niyaz hat viele Fragen: Wo sind seine Verwandten hin? Wie geht es ihnen? Leben sie überhaupt noch?  Antworten hat er bislang keine. Zumindest keine abschließenden. Er hat es probiert. Er rief bei der Polizei in Xinjiang an. Er rief in der Gemeinde an. Ob sie denn Informationen hätten zu seinen Verwandten? Keine Auskunft. Nur das: „Wenn Sie was wissen wollen, müssen Sie schon persönlich vorbeikommen.“

Dann Ende 2017 doch ein Hinweis, per Whatsapp. Nummer unbekannt. Der Kontakt gibt sich als guter Freund seiner Schwester aus. Er habe geschrieben: „Wir wissen nicht, wo deine Schwester ist. Einer deiner Bruder und dessen Frau sind im Lager. Dein anderer Bruder wurde zu vier Jahren Gefängnis verurteilt.“ Kurz darauf eine weitere Nachricht. „Ich habe gehört, dass deine Schwester zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt wurde.“ Danach wieder nichts. Ungewissheit. Bangen. Bis heute. „Früher war ich sehr optimistisch über unsere Zukunft“, sagt Niyaz. „Das ist vorbei. Ich weine nicht, aber tief in meinem Herzen schmerzt es ungemein.“

China will offiziell nur islamistischen Terrorismus besiegen

China hasst internationale Kritik. Als im November der deutsche Bundestag über die Lage der Uiguren diskutiert, protestiert Peking heftig. Gern verweist China dann darauf, dass es im Grunde das gleiche Ziel verfolge wie der Westen auch. Es wolle den islamistischen Terror besiegen.

Die Rauchwolke über den Trümmern des World Trade Center in New York war kaum verflogen, da stellte Peking klar, dass auch uigurische Terroristen mit den Taliban und Osama bin Laden gemeinsame Sache gemacht hätten. Das mag in Einzelfällen stimmen. So systematisch und weitgreifend, wie es Peking herbeireden wollte, dürften die Verbindungen allerdings nicht gewesen sein.

Unumstritten ist, dass es 2009 zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Uiguren und Han-Chinesen kam, dass militante Uiguren in den Jahren darauf immer wieder Anschläge verübten. Chinas Überwachungsnetz wurde daraufhin noch engmaschiger, noch lückenloser, der Druck auf die Bevölkerung noch größer. Seit 2017 etwa sammeln Chinas Behörden in Xinjiang DNA-Proben und Fingerabdrücke. Sie verfolgen Autos via GPS, lassen Benzinverkäufe nur zu, wenn das Gesicht der Kunden vorher gescannt wurde. Orwells Überwachungsstaat wird in Xinjiang Stück für Stück Realität.

China will Weltmacht Nummer eins werden. Brüche im Inneren sind da nicht vorgesehen. Wer das kritisch sieht, wer aufbegehrt, bekommt es mit dem gigantischen Überwachungsapparat Pekings zu tun. Und wenn ein Großteil einer ethnischen Minderheit nicht folgt, werden Lager errichtet. Mit hunderttausenden Insassen. Wer nicht mitmacht beim Großprojekt China, wird scheinbar zum Mitmachen gezwungen. Doch zu welchem Preis?

Wo gerade noch Niyaz saß, nimmt jetzt Abdulla Yakup Platz. Auch er will seine Geschichte erzählen. Auch seine Geschichte ist bedrückend. Auch seine Geschichte spielt in Xinjiang.

Yakup ist ein etwas schüchterner, junger Mann. Schwer vorstellbar, dass er irgendeinem etwas Böses antun könnte, geschweige denn einem großen Staat wie China, wenn er da mitten in München sitzt mit Pulli, Jeans und Cappuccino in der Hand. Schwer vorstellbar, dass chinesische Behörden ausgerechnet ihn als Feind sehen könnten. Und doch sagt er: „Einfach so einreisen nach China, das würde ich mich nicht mehr trauen.“ Mit 19 zog es Yakup in die Welt. Nach Malaysia, dann Deutschland. Studieren wollte er. Als Flüchtling endete er.

Abdulla Yakup: Seine Mutter und Schwester sollen in sogenannten Umerziehungslagern sein.Abdulla Yakup: Seine Mutter und Schwester sollen in sogenannten Umerziehungslagern sein.Andreas Baumer

Früher, erzählt Yakup, habe er regelmäßig mit seiner Mutter telefoniert. „Einmal am Tag möchte ich schon deine Stimme hören“, hatte sie bestanden. Also tat er das. Bis am anderen Ende der Leitung niemand mehr ranging. Stattdessen die knappe Nachricht eines Bekannten: Sie haben deine Mutter und jüngere Schwester geholt. Sie sind jetzt im Lager.

Der Bekannte nannte auch einen Grund: Yakups ältere Schwester. Die war Jahre zuvor nach Australien ausgewandert, hatte die Staatsbürgerschaft gewechselt. „Das ist anscheinend schon ein Verbrechen“, sagt Yakup. „Dafür müssen wir jetzt offenbar büßen.“

Yakup weiß, wie China die Existenz von Umerziehungslagern rechtfertigt. Er hält ihre Argumente aber für plumpe Ausreden. Seine Mutter und Schwester seien weder islamistische Fundamentalisten noch ausgesprochene Regierungskritiker. Noch nie seien sie zuvor im Gefängnis gesessen. Sie hätten sich schlicht nichts zu schulden kommen lassen. „Meine Schwester hat studiert“, erzählt er. „Sie kann Chinesisch, ist Tierärztin, hat eine eigene Praxis und zwei kleine Kinder.“ Er zuckt mit den Schultern. „Es gibt überhaupt keinen Grund, warum sie nun in einem Umerziehungslager sein sollte.“

Yakup wirkt erschöpft. Er lehnt sich zurück, faltet die Hände und blickt vorbei an flauschigen Sofas und grünen Blättern hinaus zum Fenster. Dann sagt er: „Ich träume viel von meiner Mutter. Es sind Albträume. Ich will ihr dann immer was sagen, aber ich kann nicht.“

Anmerkung: Diese Geschichte entstand in Zusammenarbeit mit Mihriban Memet, Menschenrechtsaktivistin und Mitglied im Weltkongress der Uiguren, einer Organisation von Exil-Uiguren mit Sitz in München. Memet stellte den Kontakt zu den beiden Protagonisten her, half als Übersetzerin aus und lieferte wertvolle Hintergrundinformationen, die Eingang in diesen Artikel fanden. Sie ist unter diesem Account auf Twitter aktiv, wo sie Nachrichten aus China und Xinjiang (Ost-Turkestan) teilt und kommentiert.

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