Xinjiang: Muslime müssen ihre Bärte abrasieren

Bitter Winter, 08.01.19

Von Li Zaili – Seit die Vorschriften zur Entradikalisierung im Uigurischen Autonomen Gebiet Xinjiang in Kraft getreten sind, gehen die Behörden gegen jegliche „Äußerung und jegliches Verhalten vor, das von Extremismus beeinflusst wird“. Die Vorschriften waren am 29. März 2017 bei der 28. Sitzung des Ständigen Ausschusses des 12. Volkskongresses erlassen und am 9. Oktober 2018 novelliert worden, sodass sie nun eine noch schärfere Bestrafung von „extremen Aktivisten“ ermöglichen.

Die Vorschriften verbieten es ausdrücklich, „religiösen Glauben durch unerlaubte Barttracht zu verbreiten“, und die Behörden von Xinjiang setzen dieses Verbot durch, indem sie die muslimischen Männer dazu zwingen, ihre Bärte abzurasieren – ansonsten drohen ihnen die „Transformation durch Bildung“-Lager. Bitter Winter hat zahlreiche Berichte über uigurische und Hui-Männer erhalten, die aufgrund dieses Verbots verfolgt wurden.

Im Juli 2018 kamen vier Polizeibeamte ohne ersichtlichen Grund zum Haus des 82 Jahre alten Hashim, um, wie sie sagten, „die Lage zu überprüfen“. Die Beamten blieben nicht lange, bemerkten jedoch Hashims Bart. Wenige Tage später wurde er ins lokale Gemeindezentrum beordert und kehrte von dort nicht mehr zurück. Es stellte sich heraus, dass er in ein „Transformation durch Bildung-Lager“ gebracht worden war. Später erfuhr seine Familie, dass der Grund für die Festnahme sein Bart gewesen war.

Ein Familienangehöriger berichtet, dass Hashims Gesundheitszustand schlecht ist und dass er im Lager nach einem wiederholten Hirnschlag eine Notfallbehandlung brauchte. Er sagte: „Wir machen uns große Sorgen um sein Wohlbefinden, er ist so alt und gebrechlich.“

Der Familienangehörige erinnert sich daran, wie die Familie Hashim im Lager besuchte. Der alte Mann weinte unablässig und konnte kein Wort herausbringen. Seine Tochter wusste nicht, wie sie den Vater trösten sollte. Sie schauten einander nur an, ohne sprechen zu können. Während jedes Besuchs waren Lagerwächter anwesend, welche die Unterhaltung belauschten, sodass die Familienangehörigen kaum etwas sagen konnten.

Hashims Frau leidet unter zahlreichen gesundheitlichen Problemen und kann nach Hashims Internierung nicht für sich selbst sorgen. Die Sorgen um ihren Mann verschlimmern ihren Gesundheitszustand noch zusätzlich. Mit traurigem Blick sagte sie: „Ich hoffe jeden Tag, dass mein Mann bald nach Hause kommt.“

Der Hui Ma Xuemin las gerade mit seinem Sohn im Koran, als die Polizei in sein Haus eindrang. Die Beamten beschlagnahmten die religiösen Bücher der Familie und nahmen Ma Xuemins Sohn mit in das Transformation durch Bildung-Lager des Kreises.

Am nächsten Tag kehrten die Polizeibeamten zurück und rasierten gewaltsam Ma Xuemins Bart ab. Dann brachten sie ihn in ein Han-Restaurant und zwangen ihn, traditionelle chinesische Regionalgerichte zu essen. Für den gläubigen Muslim war dies ein schwer erträgliches Erlebnis: Ma Xuemin wurde krank und musste zwei Tage später ins Krankenhaus gebracht werden.

Um die Familie noch weiter zu demütigen, wurde Ma Xuemins Sohn aus dem „Transformation durch Bildung-Lager“ zu einer Flaggenzeremonie ins Dorf gebracht, wo er gezwungen wurde, laut die Treuepflicht gegenüber der Kommunistischen Partei zu verlesen, Allah zu lästern und öffentlich seinem Glauben abzuschwören.

Anfang Juli gab die Kreisregierung von Manas im Regierungsbezirk Changji (Xinjiang) eine öffentliche Bekanntmachung an die muslimische Bevölkerung heraus, in der sie diese dazu aufrief, sich innerhalb von zwei Tagen nach Erhalt der Bekanntmachung die Bärte abzurasieren. Wer dem nicht Folge leistete, dem drohte die Internierung in Transformation durch Bildung-Lagern.

Bai Jianmin, ein über 70 Jahre alter Muslim aus dem Kreis Manas, befolgte die Anordnung und rasierte seinen Bart ab, den er seit Jahrzehnten getragen hatte. Kurz darauf wurden sein Sohn und seine Schwiegertochter wegen ihres Glaubens verhaftet und in ein Transformation durch Bildung-Lager gesperrt. Seine Tochter berichtet, dass Bai seitdem nicht mehr er selbst ist. Seit sein Sohn festgenommen wurde, ist er depressiv, isst kaum noch etwas und verlässt tagelang sein Bett nicht.

Alle Namen wurden von der Redaktion geändert.

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