Das orwellsche Leben auf dem Xinjiang-Campus

Bitter Winter03.01.2019

Ruth Ingram “Parken verboten auf beiden Seiten der Straße”. Ein Straßenschild auf dem Campus der Xinjiang Staatsuniversität in Urumqi, bei der jedoch die uigurische Übersetzung grob überklebt wurde.

Über eine Million Uiguren verschmachten in „Transformation durch Bildung“ Lagern, aber Millionen befinden sich immer noch im Niemandsland der Unsicherheit, wo ein unvorsichtiges Wort oder eine Laune der Verwaltung sie hinter Gittern bringen kann.

Diejenigen, die immer noch ihre Freiheit genießen, sind vielleicht noch nicht in Haft, aber der gnadenlose Fehdehandschuh mit Kontrollpunkten, Metalldetektoren, Identitäts- und Telefonüberprüfungen ist unvermindert da und jeder Tag endet damit, eine weitere Rolle Stacheldraht oder eine Sicherheitslage handzuhaben. Es gibt keine Regeln oder Sicherheiten in diesem orwellschen Katz-und-Maus-Spiel und nur wenige Gewinner.

Für Studenten gilt es besonders, einen schmalen Grad zu betreten. An der Oberfläche scheinen sie eher immun gegen die zufälligen Razzien und Inhaftierungen zu sein als andere, aber sie stellen fest, dass sie nur um Haaresbreite davon entfernt sind, die unwillkommene Aufmerksamkeit der Behörden zu erregen. Die Anspannung, mit der sie leben, ist greifbar.

„Vom Moment an, an dem wir aufwachen, bis zur Sekunde, wenn unsere Köpfe das Kissen berühren, werden wir überwacht“, sagte Mehmud, ein muslimischer uigurischer Student im zweiten Jahr an der Xinjiang Universität in Urumqi. „Es ist unmöglich, zu entkommen.“ „Uns wurde gesagt, dass unsere Religion ein Virus ist, der geheilt werden muss, und der einzige Weg dies zu erreichen, ist, eingesperrt und ‚behandelt‘ zu werden.“ (siehe als Referenz: https://www.rfa.org/english/news/uyghur/infected-08082018173807.html)

Der Eingang zum Campus durch eine Kabine im Stil der Flughafensicherheit, vollständig ausgestattet mit Metalldetektoren, Röntgenmaschinen und Software für Identitäts- und Gesichtsscans, ist nur für Studenten und Mitarbeiter. Besucher müssen ausnahmslos registriert und von ihren Gastgebern abgeholt werden. Zur überarbeiteten Freiheit der Sicherheitsmitarbeiter gehört auch, festzustellen, wo sie einen potentiellen ‚Terroristen‘ durch das Netz lassen. „Wir arbeiten in 12 Stunden-Schichten an sieben Tagen in der Woche und vom Gehalt werden 400 Yuan (60 USD) abgezogen, wenn wir einen Tag freinehmen“, beschwert sich Nafisa, eine in Tarnfarben und mit einer kugelsicheren Weste gekleidete Hausfrau und Mutter von drei Kindern. Sie hat ihre Kinder während dem ‚Notfall‘, wie sie das derzeitige Klima beschreibt, zu einem Verwandten geschickt, um dort zu leben. „Diese Woche wurde uns gesagt, dass wir besonders aufmerksam sein müssten. Wir haben keine Ahnung, was für ein Notfall das sein soll, aber jede Woche scheint es etwas zu geben, nach dem wir Ausschau halten müssen“, sagte sie. Sie kann nicht riskieren, die falsche Person durch ihren Posten zu lassen. „So viele Freunde sind gegangen. Ich habe eine Familie. Was würde mit meinen Kindern geschehen, wenn ich festgenommen würde?“

Nicht nur, dass jeder Winkel des Universitätscampus mit Gesichtserkennung und Scangeräten jeder Art übersät ist, es wurde auch allen Studenten gesagt, nach Genossen Ausschau zu halten, die möglicherweise von der Parteilinie abweichen. An Mittwochnachmittagen werden bei vorgeschriebenen politischen Treffen Sicherheit und Regierungsloyalität in jedes offene Ohr eingehämmert. Über einen Kommilitonen zu informieren bringt nicht nur politische Punkte ein, sondern könnte auch eine Auseinandersetzung im Keim ersticken und deinen Freund davor bewahren, geradewegs und beengt in schrecklichen Fundamentalismus, Splittergruppen oder schlimmeres abzugleiten. „Du könntest ihre Leben retten“, wird ihnen von Mitarbeitern gesagt, deren Hälse auch schon auf dem Block liegen. „Doppelzüngige Loyalität“ der Partei gegenüber ist ein besonders ernstes Vergehen.

Religiöses Lernen und parteifeindliche Gefühle werden grausam niedergeschlagen, aber es gibt auch subtilere Formen der Missachtung, wie negative Haltung oder Beschwerden, einfach unglücklich zu sein oder die Sprache eines der 26 „verbotenen“ Ländern zu lernen. Sogar eine Weltkarte an seine Wand zu hängen oder eine akademische Zukunft im Ausland zu planen sind Verhaltensweisen, von denen den Studenten gesagt wird, dass sie dies untereinander beobachten sollen.

„Wir können nicht eine Minute ausspannen“, sagte Turnisa, die im dritten Jahr im Hauptfach Biologie ist. „Wenn wir etwas versäumen und einer unserer Zimmergenossen erwischt wird, könnten wir fortgeschickt werden, weil wir nicht wachsam genug waren.“

„Transformation durch Bildung“ Lagern als die übliche Bestrafung nach Wahl der Regierung ist das am meisten gefürchtete Ergebnis eines falschen Schrittes. Zahllose uigurische Studenten haben bereits Verwandte gehabt, die außergerichtlich zu Gefängnisstrafen von 18 Jahren bis zu lebenslänglich verurteilt wurden, und viele haben Eltern oder Geschwister, die völlig verschwunden sind. Das alleine reicht, ihr eigenes Schönschreibheft zu beklecksen und auf sie für eine Sonderüberwachung aufmerksam zu machen. Sie balancieren täglich auf Messers Schneide, ohne zu wissen, wann sie an der Reihe sind.

An einer Universität zu leben und zu studieren, an der uigurische Professoren und Akademiker massenweise verschwunden sind, ist besonders für Studenten in diesen Abteilungen nervenaufreibend. Qutluq Almas, ein ehemaliger Dozent an der Xinjiang Universität, der jetzt in den USA im Exil lebt, hat dem uigurischen Service des RFA (Radio Free Asia) erzählt, dass mindestens 56 uigurische Dozenten und Forscher der Xinjiang Universität zurzeit in „Transformation durch Bildung“ Lagern festgehalten werden. Als der ehemalige Präsident der Xinjiang Universität, Tashpolatt Teyip, Anfang des Jahres plötzlich verschwand, als er wegen „doppelzüngigen“ Tendenzen verhaftet wurde, weil er der Parteipolitik gegenüber nur Lippenbekenntnisse bot, wurde die Studentenschaft mit der schrecklichen Wahrheit zurückgelassen, dass niemand unantastbar ist.

Ein Schild zum Büro für Öffentliche Sicherheit der Stadt Urumqi und der Polizeiwache auf dem Campus der Xinjiang Staatsuniversität. Dem Staatsgesetz zufolge müssen alle Schilder zweisprachig sein, aber hier wurde die uigurische Übersetzung grob überklebt.

Die meisten der „verschwundenen“ Akademiker haben eine Verbindung zur Kultur und Sprache der uigurischen Nation und Menschen, was ihre Studenten in die Zwickmühle bringt, mit ihrem Hauptfach durchzuhalten oder völlig aufzugeben.“ Wir studieren bereits die uigurische Sprache und Literatur über das Medium Mandarin und durch Übersetzungen ihrer Arbeiten ins Mandarin“, sagte Asmanjan, ein ehemaliger Student von Professor Azat Sultan, der jetzt verschwunden ist. „Aber jetzt scheint es ein Verbrechen zu sein, seine Originalarbeiten in unseren Räumen zu haben oder auch nur zu bestätigen, dass man sie hat.“ Asmanjan hatte einige Monate zuvor eine schlaflose Nacht damit verbracht, die uigurischen Bücher zu zerreißen, die sich in seinem Besitz befanden, für den Fall, dass eine zufällige Kontrolle seine „Illoyalität“ gegenüber der Partei offenbarte. Neue Listen verbotener Bücher werden wöchentlich veröffentlicht. Er war sogar darüber beunruhigt, die zerrissenen Schnipsel wegzuwerfen, da Überwachungskameras alle Müllkippen in der Stadt überwachten. „Was ist, wenn sie mich dabei sehen, wie ich die Seiten wegwerfe und die Müllsammler übergeben sie dann den Behörden? Und sie zu verbrennen, würde noch schlimmer aussehen“, sagte er.

Die Gefühle sind unter den Studenten gemischt. Einige fühlen, dass sie jeden Moment abgeholt werden könnten und warten nur darauf, dass jemand an die Tür ihres Schlafraums klopft, während andere sich unberührbar fühlen. Han-chinesische Studenten haben nur wenig zu fürchten, nachdem das Hauptziel der Säuberungen die uigurische Minderheit ist, und da sie üblicherweise kein Interesse an der uigurischen Kultur oder Sprache zeigen, hat die Regierung nichts von ihnen zu befürchten. Wöchentliche Inspektionen aller Studentenzimmer, ihrer Habseligkeiten, Telefone und Computer, stellen sicher, dass sie loyal bleiben, aber es ist immer das Unerwartete, dass sie unvorbereitet trifft.

Uigurische Studenten können für eine Vielzahl von „Fehlverhalten“ zur Verantwortung gezogen werden, wie zum Beispiel Beschwerden über das derzeitige Klima, nicht mit der letzten Politik von Präsident Xi Jinping Schritt zu halten, lustlose Beteiligung an der chinesischen Nationalhymne oder den Text nicht zu kennen. Zu spät zum Flaggengelöbnis am Montagmorgen zu kommen, irgendein Buch in uigurischer Sprache im Zimmer zu haben, überhaupt religiöses Material auf den Telefonen zu haben, die regelmäßig kontrolliert werden, sind die offensichtlichsten Weisen, über die Regeln von Xis „neuen Ära“ zu stolpern, bei der „Sinisierung“ der Weg nach vorne ist.

Alle ausländischen Einflüsse sind suspekt und Kontakt zu Fremden sowohl aus China als auch aus dem Ausland reicht, die Alarmglocken bei den Behörden läuten zu lassen. Die Sprache Mandarin, früher als Han Yu‘ (die Sprache der Han) bekannt, wurde dieses Jahr als „Guo Yu“ wiederentdeckt (die Nationalsprache). Jeder Student, den man auf dem Campus, im Schlafraum und besonders in der Klasse, seine eigene „Yu“ sprechen hört, wird ernstlich getadelt und aufgefordert, seine Landessprache zu sprechen. Die verräterischen Anzeichen eines sich anbahnenden Monolingualismus können überall auf dem Schulgelände beobachtet werden, auf dem uigurische Schrift auf den vormalig zweisprachigen Schildern grob überklebt wurde und nur Mandarin übrig blieb. „Es wird uns sogar verboten, untereinander in unserer Muttersprache zu sprechen“, sagte Gulnur, Geschichtsstudentin im ersten Jahr, für die Mandarin nicht leicht ist. Geboren in einem fernen südlichen Dorf in Xinjiang, wuchs sie ausschließlich mit der uigurischen Sprache auf und kämpft mit dem Berg an Spezialbegriffen und Zeichen, die für ihr Hauptfach unverzichtbar sind.

„Einer meiner Zimmergenossen telefonierte mit einer Freundin in Usbekistan. Zwei Stunden, nachdem er aufgelegt hatte, kamen fünf bewaffnete Polizisten und führten ihn ab. Man hat seitdem nichts von ihm gehört“, sagte Polat, ein Doktorand, der auf dem Campus lebt.

Die Studenten leben am Rande der Angst und in ständiger Selbstzensur. „Wir überwachen uns selbst, unsere Freundschaften, unsere Worte und sogar unsere Gedanken“, sagte Abdullah, dessen meisten Verwandten auf irgendeine Weise verhaftet sind und dessen Mutter für 12 Kinder „verschwundener“ Nachbarn und Verwandter im Süden der Region sorgt. „Manchmal weiß ich nicht, wie eine Person so viel Stress und emotionale Schmerzen ertragen kann“, sagte er. „Aber wir leben alle mit diesem Albtraum und niemand weiß, wann es enden wird.“

Nächtliche Razzias sind die Norm und lassen keinen Raum dafür, am Abend nachlässiger zu werden. „Wir sind immer mit einem Ohr auf der Treppe und im Flur“, sagte Polat. „Wir hören auf die Art der Schritte und ob sie von Walkie-Talkies begleitet werden“, sagte er. „Wir haben gelernt, zwischen Freunden und Feinden zu unterscheiden.“

„Wir seufzen vor Erleichterung, wenn für jemand anderes oder für den Typ nebenan geklopft wird. Aber es gibt immer ein Morgen. Wir wissen es nie.“

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