Peking will Muslime in Lagern umerziehen

Quelle:Süddeutsche

Weil Peking Unabhängig­keits­bestrebungen befürchtet, sollen in der Provinz Xinjiang bereits Hunderttausende Uiguren und Kasachen interniert worden sein.

Von Kai Strittmatter , Peking

Ein Volk von 1,4 Milliarden Menschen, aber nicht einmal elf Mann, die anständig Fußball spielen können: In China ist dieses Lamento derzeit oft zu hören. Während die Welt den Fußball feiert, ist China wieder einmal nur Zuschauer bei der WM. Einer seiner talentiertesten Jungstars aber darf nicht einmal zuschauen – er sitzt im Umerziehungslager.

Erfan Hezim ist 19 Jahre alt und Stürmer beim Super-League Team Jiangsu Suning, sein Fallrückziehertor beim U-19-Spiel im vergangenen Jahr gegen Ungarn wurde viral im Netz geteilt. Kurz danach teilte er ein Selfie mit Lionel Messi. Aber seit Februar ist Erfan Hezim verschwunden.

Hezim wurde festgenommen, nachdem er von einer Trainingsreise nach Spanien und Dubai zurückgekommen war und seine Eltern in der Präfektur Tarbaghatay besucht hatte. Die Festnahme erfolgte offenbar, wie der Sender Radio Free Asia eine Quelle vor Ort zitiert, weil Erfan Hezim “ins Ausland gereist” war. Eine einfache Auslandsreise reicht dieser Tage in China offenbar schon, um sich für politische Umerziehung und Lagerhaft zu qualifizieren. Jedenfalls, wenn man aus Chinas Westprovinz Xinjiang kommt und Uigure oder Kasache ist.

“Größter Menschenrechtsverstoß seit Niederschlagung der Demokratiebewegung 1989

Und so verschwinden sie, einer nach dem anderen. Eine Studentin, die vom Auslandsstudium in Malaysia für die Ferien in ihre Heimat zurückkehrt. Der Angestellte eines deutschen Autobauers, der nach Hause reiste, um seine langjährige Freundin zu heiraten. Der Popstar Ablayan Awut Ayup, der gerade in Shanghai neue Lieder aufgenommen hatte.

Der gefeierte Jungfußballer Hezim. Ihnen allen wurde zum Verhängnis, in Xinjiang zu Hause zu sein und einer der muslimischen Minderheiten dort anzugehören. Vier von mittlerweile Hunderttausenden sind sie. Verschwunden in einem gewaltigen Netz von Umerziehungslagern, in dem die Insassen festgehalten werden können ohne jeden Gerichtsprozess und auf unbestimmte Zeit.

Bislang weitgehend unbemerkt von der Weltöffentlichkeit hat China 2017 in der Provinz Xinjiang ein gewaltiges Netz von Straflagern aufgebaut. Der australische Chinawissenschaftler James Leibold nennt es “die wohl größte Menschenrechtsverletzung in China seit der Niederschlagung der Demokratiebewegung vom Tiananmenplatz 1989“. Doch kaum einer redet darüber – was dran liegt, dass der Sicherheitsapparat ausländischen Journalisten die Arbeit in Xinjiang mittlerweile fast unmöglich macht.

Xinjiang ist eine Öl- und gasreiche Provinz. In Chinas strategischem Plan einer “neuen Seidenstraße” spielt die Muslim-Provinz eine zentrale Rolle. In den vergangenen Jahren aber haben sowohl die Repression der Regierung als auch die Spannungen zwischen den in der Provinz beheimateten muslimischen Völkern und den Han-Chinesen zugenommen.

In Chinas Staatsmedien wird Xinjiang kaum noch erwähnt ohne den “Kampf gegen Terror und Extremismus”. Tatsächlich gab es Anschläge wie den von 2014, als uigurische Angreifer in der Stadt Kunming 31 Menschen erstachen. Gleichzeitig beklagen Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch, die Pekinger Regierung definiere längst nicht mehr nur Unabhängigkeitsbestrebungen, sondern mittlerweile jede Art des “Ausdrucks einer uigurischen Identität, inklusive in Sprache, Kultur und Religion” als eine der “drei bösen Kräfte Separatismus, Terrorismus und Extremismus”.

In den vergangenen Jahren hat die Zentralregierung in Xinjiang mithilfe modernster Überwachungstechnik und künstlicher Intelligenz einen “Polizeistaat wie keinen zweiten” eingerichtet, urteilt der Economist. Mit dem Lagersystem geht sie nun einen Schritt weiter. Peking allerdings bestreitet die Existenz der Lager, der chinesische Generalkonsul in Kasachstan, Zhang Wei, sagte dazu : “So ein Konzept haben wir in China nicht.”

Dieser Interviewäußerung stehen sowohl Satellitenfotos als auch Zeugenaussagen freigekommener Lagerinsassen entgegen. Und dazu chinesische Regierungsdokumente: Dem deutschen Xinjiangforscher Adrian Zenz von der “European School of Culture and Theology” in Korntal gelang im vergangenen Monat anhand solcher Regierungsdokumente und -Ausschreibungen zum ersten Mal der Nachweis des ausgedehnten Lagersystems. Zenz schätzt die Zahl der Insassen der Camps auf mehrere Hunderttausend bis zu einer Million.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch geht von 800 000 aus und das bei einer Gesamtbevölkerung von knapp zehn Millionen Uiguren und eineinhalb Millionen Kasachen. “Es ist heute unmöglich, mit einem Uiguren zu reden, der nicht mindestens einen engen Verwandten oder Bekannten im Lager hat”, sagt der deutsche Forscher Zenz. Er urteilt: “Der ‘Krieg gegen den Terror’ des Staates ist mehr und mehr ein Euphemismus für zwangsweise ethnische Assimilierung”.

Spitzel leben mit uigurischen Familien unter einem Dach

Xinjiang ist aus Sicht der Behörden schon lange eine Unruheprovinz. Kampagnen zur “Deeextremisierung” laufen schon länger, wobei es reicht, als Muslim im Ramadan zu fasten oder den Genuss von Alkohol zu verwehren, um unter politischen Extremismusverdacht zu geraten. Im März vor einem Jahr etwa verlor der Parteichef eines Dorfes bei Hotan seinen Job, weil er “sich nicht traute, in Gegenwart religiöser Personen zu rauchen”.

Die Verwandlung Xinjiangs in einen Polizei- und Lagerstaat hat viel zu tun mit Chen Quanguo, dem KP-Sekretär, der zuvor mit der Befriedung der buddistischen Region Lhasa und Tibet beauftragt war, bevor er 2016 nach Xinjiang versetzt wurde. Unter Chen entschied die Partei offenbar, dass es nichts weniger als die Umerziehung eines ganzen Volkes braucht, um “Harmonie” in Xinjiang einziehen zu lassen. Kurz nach Chens Amtsantritt begann die Partei, Hunderttausende Parteikader in die Heime uigurischer Familien zu schicken, wo sie mehrere Tage im Monat mit den Uiguren unter einem Dach leben.

Die Kader lehren ihre Gastfamilien Chinesisch, die Liebe zu Parteichef Xi Jinping und das Übel der Religion. Sie singen mit ihnen gemeinsam die Nationalhymne – und berichten anschließend über politisch unzuverlässige oder allzu fromme Familienmitglieder, die zum Beispiel einen Koran zu Hause stehen haben. “Wir schauten hinter den Vorhang und merzten die Tumore aus”, meldete ein Team der Bingtuan Broadcasting Television University nach der Rückkehr aus einem uigurischen Dorf. “Muslimische Familien essen und schlafen nun im Wortsinne unter dem wachsamen Auge des Staates in ihrem eigenen Zuhause”, heißt es in einem Bericht von Human Rights Watch vom Mai.

Viele der Denunzierten landen offenbar in den Lagern. Potenzieller Häftling ist jeder, der aus Sicht der Partei zu fromm ist. Oft reicht es, dass einer einen Bart trägt, auf ausländischen Webseiten surft oder Familienangehörige im Ausland hat und regelmäßig mit ihnen telefoniert. “Jeder Kontakt zum Ausland ist problematisch”, sagt Forscher Adrian Zenz. “Es ist schon fast wie eine Garantie für eine Einweisung ins Lager.”

In den Lagern arbeiten die Behörden daran, sagt Zenz, “die muslimische Bevölkerung in der Tiefe zu verändern”: Sie sollen in ihrem Denken, ihrem Sprechen und Verhalten chinesischer werden und der “gefährlichen” Religion abschwören.

Essen gibt es erst, wenn die KP bejubelt wurde

Freigelassene Insassen berichten, wie sie jeden Morgen zu Nationalhymne und Flaggenappell aufwachten. Sie seien über ihre rückständige Kultur und “gefährliche” Religion und über die “Befreiung” ihres Volkes durch die KP belehrt worden und mussten vor den anderen Insassen Selbstkritik üben. Essen gab es erst, nachdem alle im Chor gerufen haben. “Dank der Partei! Dank dem Vaterland! Dank Xi Jinping!”

Erst jetzt beginnt man im Ausland genauer hinzuschauen. Umerziehungslager statt Trainingscamp? Die Internationale Vereinigung der Profifussballer FIFPro forderte vor WM-Beginn die Freilassung von Stürmer Hezim. Er sei “einer der vielversprechendsten Fussballer Chinas”. Die Propaganda sagt, die Partei wolle in Xinjiang “die Herzen des Volkes” gewinnen. Beobachter wie Adrian Zenz aber sprechen von einem Volk “in Angst und Schrecken”.